Die drei fundamentalen Sätze der Geheimlehre:
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 5
Teil 6
Teil 7
Teil 8

Die drei fundamentalen Sätze der Geheimlehre, Teil 1

Von Helena Petrowna Blavatsky
Aus: „Die Geheimlehre“, Band I, „Kosmogenesis“, S. 42 ff.

 

Bevor der Leser zur Betrachtung der Strophen aus dem Buche des Dzyan übergeht, die die Grundlage des vorliegenden Werkes („Die Geheimlehre“) bilden, ist es absolut notwendig, daß er mit den wenigen fundamentalen Begriffen, welche dem ganzen Gedankensystem, zu dessen Beachtung er eingeladen ist, zugrunde liegen und dasselbe durchdringen, bekannt gemacht wird. Diese Grundideen sind nur wenige an Zahl, aber von ihrem klaren Erfassen hängt das Verständnis von allem folgenden ab; es ist daher keine Entschuldigung nötig, wenn wir den Leser bitten, sich vorerst mit ihnen vertraut zu machen, bevor er an die Durcharbeitung des Werkes selbst geht.

Die Geheimlehre stellt drei fundamentale Sätze auf:

I. Ein allgegenwärtiges, ewiges, grenzenloses und unveränderliches PRINZIP, über das gar keine Spekulation möglich ist, da es die Kraft menschlicher Vorstellung übersteigt und durch irgendwelche menschliche Ausdrucksweise oder Vergleich nur erniedrigt werden könnte. Es ist jenseits von Raum und der Gedanken – mit den Worten der Mândûkya: „undenkbar und unaussprechlich“.

Um sich diese Ideen klarer zu machen, möge der Leser von dem Postulat ausgehen, daß eine absolute Realität ist, die allem geoffenbarten, bedingten Sein vorangeht. Diese unendliche und ewige Ursache – unklar formuliert als das „Unbewußte“ und „Unerkennbare“ der landläufigen europäischen Philosophie – ist die wurzellose Wurzel von „allem was war, ist oder jemals sein wird“. Sie ermangelt selbstverständlich aller Attribute und ist ihrer Wesenheit nach ohne irgendwelche Beziehung zu geoffenbartem endlichen Sein. Sie ist „Seinheit“ vielmehr als Sein, im Sanskrit: Sat, und ist jenseits allen Denkens oder Spekulierens.

Diese Seinheit wird in der Geheimlehre unter zwei Aspekten symbolisiert. Einerseits als absoluter abstrakter Raum, zur Darstellung reiner Subjektivität, als das eine Ding, das kein menschliches Gemüt weder aus irgendeiner Vorstellung ausschließen, noch sich durch sich selbst vorstellen kann; andererseits als absolute abstrakte Bewegung zur Darstellung unbedingten Bewußtseins. Selbst unsere westlichen Denker haben gezeigt, daß Bewußtsein frei von Veränderung für uns unbegreiflich ist und daß Bewegung das zutreffendste Symbol für Veränderung ist, welche ja ihr wesentliches Charakteristikum bildet. Dieser letztere Aspekt der Einen Realität wird auch durch den Ausdruck „der große Atem“ symbolisiert, ein hinlänglich anschauliches Sinnbild, als daß es noch weiterer Erläuterung bedürfte. So ist denn der erste fundamentale Satz der Geheimlehre diese metaphysische EINE ABSOLUTE SEINHEIT – von endlicher Intelligenz als die theologische Dreieinigkeit symbolisiert.

Parabrahman, die eine Realität, das Absolute, ist das Feld des absoluten Bewußtseins, das ist die Wesenheit, die außer aller Beziehung zu bedingtem Dasein steht und von der bewußte Existenz ein bedingtes Symbol ist. Sobald wir aber in Gedanken von dieser (für uns) absoluten Negation fortschreiten, taucht Dualität auf in dem Gegensatz von Geist (oder Bewußtsein) und Materie, von Subjekt und Objekt.

Geist (oder Bewußtsein) und Materie dürfen jedoch nicht als unabhängige Wirklichkeiten betrachtet werden, sondern als die zwei Symbole oder Aspekte des Absoluten, Parabrahman, welche die Grundlage des bedingten Seins, sei es subjektiv, sei es objektiv, abgegeben.

Es wird somit klar, daß der Gegensatz dieser zwei Anschauungsweisen des Unbedingten wesentlich für das Dasein des geoffenbarten Weltalls ist. Getrennt von kosmischer Substanz könnte sich kosmische Ideenbildung nicht als individuelles Bewußtsein offenbaren, da dieses Bewußtsein bloß mit Hilfe eines materiellen Vehikels (upâdhi) als „Ich bin Ich“ hervorquillt, indem eine physische Basis notwendig ist, um einen Strahl des Universalgemütes bei einer gewissen Stufe von Zusammengesetztheit zu fokussieren. Hinwiederum würde kosmische Substanz getrennt von kosmischer Ideation eine leere Abstraktion bleiben, und kein Auftauchen von Bewußtsein könnte sich ergeben.

Das geoffenbarte Weltall ist daher von Dualität durchdrungen, die gewissermaßen das wahre Wesen seiner EX-istenz als „Offenbarung“ ist. Aber gerade so, wie die einander entgegengesetzten Pole Subjekt und Objekt, Geist und Materie, bloß Aspekte der Einen Einheit sind, in der sie ihre Synthese finden, so ist es im geoffenbarten Universum „tat“, welches Geist mit Stoff, Subjekt mit Objekt, verknüpft.

Dieses Etwas, das gegenwärtig der westlichen Spekulation unbekannt ist, wird auch Fohat genannt. Es ist die „Brücke“, mittels derer die im göttlichen Gedanken existierenden Ideen der kosmischen Substanz als die Naturgesetze eingeprägt werden. Fohat ist somit die dynamische Energie der kosmischen Ideation; oder von der anderen Seite betrachtet, ist es das intelligente Medium, die lenkende Kraft in jeder Offenbarung, der durch die Dhyân Chohans (von der christlichen Theologie Erzengel, Seraphim etc. genannt), die Bildner der sichtbaren Welt, übertragene und geoffenbarte göttliche Gedanke.

So kommt vom Geiste oder der kosmischen Ideation unser Bewußtsein; von der kosmischen Substanz kommen die verschiedenen Vehikel, in denen dieses Bewußtsein individualisiert wird und zum Selbst- oder reflexiven Bewußtsein gelangt; während Fohat in seinen verschiedenartigen Manifestationen das geheimnisvolle Band zwischen Geist und Stoff bildet – das jedes Atom zum Leben elektrisierende beseelende Prinzip.

Die folgende Übersicht wird dem Leser eine klarere Idee geben.

  1. Das ABSOLUTE: das Parabrahman der Vedântisten oder die eine Realität, SAT, welche, wie Hegel sagt, zugleich absolutes Sein und Nichtsein ist.
  2. Der erste Logos: der unpersönliche und, in der Philosophie, ungeoffenbarte Logos, der Vorläufer des geoffenbarten. Dies ist die „erste Ursache“, das „Unbewußte“ der europäischen Pantheisten.
  3. Der zweite Logos: Geist-Stoff, Leben; der „Geist des Weltalls“, Purusha und Prakriti.
  4. Der dritte Logos: Kosmische Ideation, Mahat oder Intelligenz, die universale Weltseele; das kosmische Noumenon der Materie, die Grundlage der intelligenten Wirkungen in und seitens der Natur, auch Mahâ-Buddhi genannt.

Die EINE REALITÄT; ihre dualen Aspekte in dem bedingten Universum.

Ferner behauptet die Geheimlehre:

II. Die Ewigkeit des Weltalls in toto als einer grenzenlosen Ebene, die periodisch „der Spielplatz ist von zahllosen unaufhörlich erscheinenden und verschwindenden Universen“, den sogenannten „manifestierten Sternen“ und „den Funken der Ewigkeit“. „Die Ewigkeit des Pilgers ist wie ein Augenblinzeln von Selbstexistenz“, wie das Buch des Dzyan sich ausdrückt. „Das Erscheinen und Verschwinden von Welten ist wie regelmäßige Gezeiten von Ebbe und Flut.“ ( „Pilger“ heißt unsere Monade [die Zwei in einem] während ihres Zyklus von Inkarnationen. Sie ist das einzige unsterbliche und ewige Prinzip in uns, als ein unteilbarer Teil des vollständigen Ganzen – des Universalgeistes, aus dem sie emaniert und in welchem sie am Ende des Zyklus absorbiert wird. Wenn es heißt, sie emaniere aus dem Einen Geiste, so ist dies ein unbeholfener und inkorrekter Ausdruck, mangels geeigneter Worte in unserer Sprache. Die Vedântisten nennen sie Sûtrâtma [Fadenseele], aber auch ihre Erklärung unterscheidet sich in etwas von der der Okkultisten; diesen Unterschied zu rechtfertigen sei jedoch den Vedântisten selbst überlassen!)

Die zweite Behauptung der Geheimlehre ist also die absolute Universalität jenes Gesetzes der Periodizität, der Gezeiten, der Ebbe und Flut, welches die Naturwissenschaft auf allen Gebieten der Natur beobachtet und bewiesen hat. Ein Wechsel wie der von Tag und Nacht, Leben und Tod, Schlaf und Wachen ist eine so allgemeine, so vollkommen universale und ausnahmslose Tatsache, daß es leicht zu verstehen ist, wenn wir darin eines der absolut fundamentalen Gesetze des Weltalls sehen.

Ferner lehrt die Geheimlehre:

III. Die fundamentale Identität aller Seelen mit der universellen Oberseele, welch letztere selbst ein Aspekt der unbekannten Wurzel ist; und die Verpflichtung für jede Seele – einen Funken der vorgenannten –, den Zyklus von Inkarnation, oder „Notwendigkeit“, in Übereinstimmung mit zyklischem und karmischem Gesetz während seiner ganzen Dauer zu durchwandern. Mit anderen Worten, keine rein geistige Buddhi (göttliche Seele) kann eine unabhängige, bewußte Existenz haben, ehe der Funke, der aus der reinen Essenz des universellen sechsten Prinzipes – oder der OBERSEELE – entsprang, a) jede elementare Form der phänomenalen Welt dieses Manvantaras durchlaufen hat und b) Individualität erlangt hat, anfangs durch natürlichen Trieb, später durch selbstherbeigeführte und selbsterdachte Anstrengungen, dabei von seinem Karma zurückgehalten, und so durch alle Grade der Intelligenz, vom niedersten bis zum höchsten Manas, von Mineral und Pflanze bis hinauf zum heiligsten Erzengel (Dhyâni-Buddha) emporgestiegen ist. Die Grundlehre der Esoterischen Philosophie gibt keine Privilegien und besonderen Gaben im Menschen zu, außer jenen, die sein eigenes Ego durch persönliche Anstrengung und Verdienst während einer langen Reihe von Metempsychosen und Reinkarnationen gewonnen hat.

Sobald der Leser ein klares Verständnis der fundamentalen Sätze gewonnen und das Licht erkannt hat, das sie auf jedes Problem des Lebens werfen, werden sie in seinen Augen keiner weiteren Rechtferigung bedürfen, weil ihre Wahrheit ihm so einleuchtend wie die Sonne am Himmel sein wird. Ich gehe daher zum Gegenstand der in diesem Band veröffentlichten Strophen über und gebe ein skizzenhaftes Skelett derselben, in der Hoffnung, dadurch dem Schüler seine Aufgabe leichter zu machen, indem ich ihm mit wenigen Worten den in denselben enthaltenen Gedankengang vorführe.

Die Geschichte der kosmischen Evolution, wie sie in den Strophen aufgezeichnet ist, ist sozusagen die abstrakte algebraische Formel dieser Entwicklung. Daher darf der Schüler nicht erwarten, hier eine Aufzählung aller Zustände und Wandlungen zu finden, die zwischen den ersten Anfängen der universalen Evolution und unserem gegenwärtigen Zustand liegen. Eine solche Aufzählung zu geben wäre ebenso unmöglich, als sie Menschen unverständlich wäre, die nicht einmal die Natur jener Daseinsebene erfassen können, die derjenigen zugrunde liegt, auf die für den Augenblick ihr Bewußtsein beschränkt ist.

Die Strophen geben daher eine abstrakte Formel, die mutatis mutandis auf jede Evolution angewendet werden kann: auf die unserer winzigen Erde, auf die der Planetenkette, von der die Erde ein Glied bildet, auf das solare Universum, zu dem die Kette gehört, und so fort in aufsteigender Reihe, bis das Gemüt schwindelt und von der Anstrengung erschöpft ist.

Die sieben in diesem Band gegebenen Strophen repräsentieren die sieben Glieder dieser abstrakten Formel. Sie beziehen sich auf und beschreiben die sieben großen Stadien des Entwicklungsvorganges, von dem die Purânas als von den „sieben Schöpfungen“ sprechen und die Bibel als von den sieben „Schöpfungstagen“.

Erschienen in: „Esoterische Philosophie – Weisheit der Zeitalter – DAS FORUM“, 2/1991, S. 57 f.

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