Die drei fundamentalen Sätze der Geheimlehre:
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 5
Teil 6
Teil 7
Teil 8

Die drei fundamentalen Sätze der Geheimlehre, Teil 2

Von Helena Petrowna Blavatsky
Aus: „Die Geheimlehre“, Band I, „Kosmogenesis“, S. 48 f., 67 ff.

 

Die Geheimlehre lehrt die fortschreitende Entwicklung von Atom, Mensch und Kosmos.

Welten durchleben ihre unermeßlichen Zeitperioden, denen entsprechend lange Perioden der Ruhe folgen, und dann wiederverkörpern sich ihre Lebensenergien auf anderen fortgeschritteneren oder größeren Welten. Es gibt kein Ende. Wachstum und Wandel in periodischem Rhythmus währen die Ewigkeit hindurch. Begriffe wie Zeit und Raum erscheinen dadurch in einem ganz anderen Licht.

Die „drei fundamentalen Sätze“:
I. Ein allgegenwärtiges, ewiges, grenzenloses und unveränderliches Prinzip
II. Die Ewigkeit des Weltalls
III. Die fundamentale Identität aller Seelen mit der universalen Oberseele

Kommentare zu den sieben Strophen des Dzyan und ihren Ausdrücken, nach ihrer Zahlenbezeichnung nach Strophen und Shlokas

Strophe I beschreibt den Zustand des EINEN ALLS während Pralaya, vor der ersten Schwingung der wiedererwachenden Offenbarung. Der Gedanke eines Augenblicks genügt zu zeigen, daß ein solcher Zustand nur symbolisch dargestellt werden kann; ihn zu beschreiben ist unmöglich. Auch kann er nur mittels negativer Ausdrücke symbolisiert werden; denn da er der Zustand der Absolutheit an sich ist, kann er keines jener spezifischen Attribute besitzen, die uns dazu dienen, Gegenstände in positiven Ausdrücken zu beschreiben. Daher kann dieser Zustand nur angedeutet werden durch die Negative aller jener höchst abstrakten Attribute, welche die Menschen viel mehr fühlen als begreifen, als die fernsten Grenzen, bis zu denen ihre Vorstellung vordringen kann.

KOSMISCHE EVOLUTION
Aus den STROPHEN DES DZYAN

Strophe I:
1. Die ewige Mutter (Raum) gehüllt in ihre immer unsichtbaren Gewande, hatte wieder einmal während sieben Ewigkeiten geschlummert.

Die „Mutter“, der Raum, ist die ewige, allgegenwärtige Ursache von allem – die unbegreifliche GOTTHEIT, deren „unsichtbare Gewande“ die mystische Wurzel aller Materie und des Weltalls sind. Raum ist das eine ewige Ding, dessen Vorstellung uns am leichtesten gelingt, unbeweglich in seiner Abstraktion und durch die An- oder Abwesenheit eines in ihm enthaltenen objektiven Universums unbeeinflußt. Er ist ohne Dimension in jedem Sinne und selbstexistierend. Geist ist die erste Differenzierung von „TAT“, der ursachenlosen Ursache von Geist und Materie. Er ist, nach der Lehre des esoterischen Katechismus, weder „unbegrenzte Leere“ noch „bedingte Fülle“, sondern beides. Er war und wird immer sein.

So stehen die „Gewänder“ für undifferenzierte kosmische Materie als Ding an sich. Es ist nicht Stoff, wie wir ihn kennen, sondern die geistige Wesenheit der Materie und ist gleich-ewig und sogar eins mit dem Raum in seiner abstrakten Bedeutung. Wurzel-Natur ist auch die Quelle der subtilen unsichtbaren Eigenschaften in der sichtbaren Materie. Sie ist sozusagen die Seele des Einen unendlichen Geistes. Die Inder nennen sie Mûlaprakriti und sagen, sie sei die uranfängliche Substanz, welche die Basis des Upâdhi oder Vehikels eines jeden Phänomens sei, sei es physisch, psychisch oder geistig. Sie ist die Quelle, aus welcher Akâsa ausstrahlt. 

Mit den sieben „Ewigkeiten“ sind Äonen oder Perioden gemeint. Das Wort Ewigkeit, wie es in der christlichen Theologie verstanden wird, ist für ein asiatisches Ohr sinnlos, außer wenn es auf die Eine Existenz angewendet wird; noch ist der Ausdruck Unvergänglichkeit, die Ewigkeit bloß in der Zukunft, irgend etwas Besseres als eine Mißbenennung.

Solche Worte existieren in keiner philosophischen Metaphysik und können es auch nicht, und sie waren unbekannt bis zur Ankunft des kirchlichen Christentums. Die sieben Ewigkeiten bedeuten die sieben Perioden – oder eine Periode, die in ihrer Dauer den sieben Perioden eines Manvantara entspricht – und erstrecken sich über einen Mahâkalpa oder „großes Zeitalter“ (100 Jahre des Brahmâ), in Summe 311. 040. 000. 000. 000 Jahre. Jedes Jahr des Brahmâ besteht nämlich aus 360 Tagen und aus einer gleichen Anzahl von Nächten des Brahmâ (nach dem Chandrâyana oder Mondjahr gerechnet); und ein Tag des Brahmâ besteht aus 4. 320. 000. 000 Jahren der Sterblichen. Diese Ewigkeiten gehören zu den allergeheimsten Berechnungen, in denen, um das richtige Resultat zu erhalten, jede Zahl von der Form 7x sein muß; x variiert nach der Natur des Zyklus in der subjektiven oder realen Welt; und jede Zahl, die Bezug auf alle die verschiedenen Zyklen vom größten bis zum kleinsten – in der objektiven oder unrealen Welt – hat oder solche repräsentiert, muß notwendigerweise ein Vielfaches von sieben sein. Der Schlüssel hierzu kann nicht gegeben werden, denn darin liegt das Geheimnis der esoterischen Berechnungen, und für Zwecke gewöhnlicher Rechnungen ist er ohne Sinn. „Die Zahl Sieben“, sagt die Kabbala, „ist die große Zahl der göttlichen Geheimnisse“; die Zahl Zehn ist die aller menschlichen Erkenntnis (die pythagoreische Dekade); 1000 ist die Zahl 10 zur dritten Potenz, und daher ist die Zahl 7000 ebenfalls symbolisch. In der Geheimlehre ist die Zahl 4 das Symbol des Männlichen bloß auf der höchsten Ebene der Abstraktion; auf der Ebene des Stoffes ist 3 das Männliche und 4 das Weibliche; die Vertikale und Horizontale im vierten Stadium der Symbolik, als diese Symbole die Hieroglyphen der zeugenden Kräfte auf der physischen Ebene wurden.

Strophe I (Fortsetzung):
2. Es gab keine Zeit, denn sie lag schlafend in dem unendlichen Schoße der Dauer.

„Zeit“ ist bloß eine durch die Aufeinanderfolge unserer Bewußtseinszustände während unserer Reise durch die ewige Dauer erzeugte Illusion, und dort, wo kein Bewußtsein existiert, in dem die Illusion hervorgebracht werden kann, existiert sie nicht, sondern „liegt schlafend“. Die Gegenwart ist bloß eine mathematische Linie, die jenen Teil der ewigen Dauer, den wir die Zukunft nennen, von dem Teil, den wir die Vergangenheit nennen, trennt. Nichts auf Erden hat wahre Dauer, denn nichts bleibt ohne Veränderung oder sich gleich, auch nicht den billionsten Teil einer Sekunde; und die Empfindung, die wir von der Tatsächlichkeit jener Teilung der Zeit, die wir als Gegenwart kennen, haben, kommt von der Verwischung dieses flüchtigen Aufblitzens oder der Reihe von Blitzen, von Dingen, die uns unsere Sinne mitteilen, wie diese Dinge aus dem Bereich der Ideale, den wir die Zukunft nennen, in den Bereich der Erinnerungen, den wir die Vergangenheit nennen, übergehen. Auf dieselbe Art empfangen wir ein Gefühl der Dauer im Falle des nur einen Moment währenden elektrischen Funkens infolge des verwischten und nachwirkenden Eindrucks auf die Netzhaut. Die Person oder das Ding in seiner Wirklichkeit besteht nicht allein aus dem, was in einem einzelnen Augenblick zu sehen ist, sondern ist aus der Summe aller seiner verschiedenen und wechselnden Zustände, von seiner Erscheinung in einer materiellen Form an bis zu seinem Verschwinden von der Erde, zusammengesetzt. Diese „Gesamtsumme“ ist es, die seit Ewigkeit in der Zukunft existiert und nach und nach durch die Materie wandert, um für die Ewigkeit in der Vergangenheit zu existieren. Niemand würde sagen, daß ein Metallbarren, der ins Meer fällt, ins Dasein trat, als er die Luft verließ, und zu existieren aufhörte, als er in das Wasser eintrat, und daß der Barren selbst nur aus jenem Querschnitt desselben bestand, der jeweils mit der mathematischen Fläche, welche die Atmosphäre und den Ozean gleichzeitig trennt und verbindet, zusammenfiel. Das gleiche gilt von Personen und Dingen, die, indem sie aus dem, was sein wird, in das, was gewesen ist, versinken, aus der Zukunft in die Vergangenheit, unseren Sinnen momentan gewissermaßen einen Querschnitt ihres ganzen Selbstes zeigen, während sie auf ihrem Wege von einer Ewigkeit zu einer anderen durch Zeit und Raum (als Materie) hindurchgehen: und diese zwei Ewigkeiten bilden die Dauer, in der allein etwas wahre Existenz hat, wenn nur unsere Sinne fähig wären, sie hier zu erkennen.

Erschienen in: „Esoterische Philosophie – Weisheit der Zeitalter – DAS FORUM“, 3/1991, S. 91 f.

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