Die drei fundamentalen Sätze der Geheimlehre:
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 5
Teil 6
Teil 7
Teil 8

Die drei fundamentalen Sätze der Geheimlehre, Teil 3

Von Helena Petrowna Blavatsky
Aus: „Die Geheimlehre“, Band I, „Kosmogenesis“,  69 ff.

 

Die „drei fundamentalen Sätze“ bilden das Tor, durch das der nach Wahrheit strebende Schüler geht. Mit jedem Schritt gelangt er tiefer in die Geheimnisse des Seins. Mit jedem Schritt öffnet sich ihm ein neues Tor, das die erhabenen Realitäten kosmischen Seins offenbart.
Die „drei fundamentalen Sätze“:
I. Ein allgegenwärtiges, ewiges, grenzenloses und unveränderliches Prinzip
II. Die Ewigkeit des Weltalls
III. Die fundamentale Identität aller Seelen mit der universalen Oberseele

Strophe I (Fortsetzung):
3. ... Das Universalgemüt war nicht vorhanden, denn es gab keine Ah-hi1, es zu enthalten2.

„Gemüt“ ist ein Name für die Summe der Bewußtseinszustände, die unter Gedanken, Willen und Gefühl zusammengefaßt werden. Während des tiefen Schlafes hört die Ideenbildung auf der physischen Ebene auf, und das Gedächtnis ist untätig. Es ist somit für diese Zeit das „Gemüt nicht vorhanden“, weil das Organ, mittels welchem das Ego Ideenbildung und Gedächtnis auf der materiellen Ebene offenbart, zeitweilig zu funktionieren aufgehört hat. Ein Ding an sich kann auf irgendeiner Daseinsebene nur dadurch eine Erscheinung werden, indem es sich auf dieser Ebene mittels geeigneter Basis oder Vehikel offenbart; und während der langen Nacht der Ruhe, genannt Pralaya, wenn alle Existenzen aufgelöst sind, bleibt das „Universum“ als fortdauernde Möglichkeit einer Gemütsaktion oder als der abstrakte absolute Gedanke, dessen konkrete relative Manifestation das Gemüt ist. Die Ah-hi (Dhyân-Chohans) sind die vereinten Scharen der geistigen Wesen – die Engelscharen des Christentums, die Elohim und „Botschafter“ der Juden –, die das Vehikel für die Offenbarung des göttlichen oder universalen Gedankens und Willens sind. Sie sind die intelligenten Kräfte, die der Natur ihre „Gesetze“ geben und sie in ihr vollziehen, während sie selbst nach Gesetzen handeln, die ihnen auf ähnliche Weise von noch höheren Kräften gegeben sind; aber sie sind nicht die „Personifikationen“ der Naturkräfte, wie irrtümlicherweise geglaubt wird. Diese Hierarchie geistiger Wesen, durch die das Universalgemüt in Tätigkeit tritt, ist gleich einer Armee – einer „Heerschar“ fürwahr –, mit Hilfe derer die Kampfkraft einer Nation sich manifestiert und die aus Armeekorps, Divisionen, Brigaden, Regimentern und so fort zusammengesetzt ist, jedes einzelne davon mit gesonderter Individualität oder Leben, mit seiner beschränkten Aktionsfreiheit und beschränkten Verantwortlichkeit, jedes in einer größeren Individualität enthalten, der seine eigenen Interessen untergeordnet sind, und jedes kleinere Individualitäten in sich einschließend.

Strophe I (Fortsetzung):
4. Die sieben Wege zur Seligkeit3 existieren nicht (a). Die grossen Ursachen des Leidens4 waren nicht vorhanden, denn es war niemand da, sie hervorzubringen oder in sie verstrickt zu werden (b).

(a) Es gibt „sieben Pfade“ oder „Wege“ zur „Wonne“ der Nichtexistenz, die absolutes Sein, Dasein und Bewußtsein ist. Sie existierten nicht, weil das Weltall bis dahin leer war und nur im göttlichen Gedanken existierte. (b) Denn da sind ... die zwölf Nidânas oder Ursachen des Seins. Jedes ist die Wirkung seiner vorangehenden Ursache und seinerseits eine Ursache seines Nachfolgers; die Gesamtheit der Nidânas beruht auf den Vier Wahrheiten – eine für das Hînayâna-System speziell charakteristische Lehre. Sie gehören zu der Theorie von dem Strome des verketteten Gesetzes, welches Verdienst und Schuld bewirkt und schließlich Karma in vollen Schwung bringt. Dieses System beruht auf der großen Wahrheit, daß Reinkarnation etwas zu Fürchtendes ist, da eine Existenz in dieser Welt dem Menschen nur Leiden, Elend und Schmerz aufbürdet und der Tod selbst nicht imstande ist, den Menschen davon zu befreien, da der Tod nichts als das Tor ist, durch das er in ein anderes Leben auf Erden eintritt, nach einer kurzen Rast an der Schwelle davon – in Devachan. Das Hînayâna-System, oder die Schule des kleinen Fahrzeuges, ist von sehr altem Ursprung; während das Mahâyâna, oder die Schule des großen Fahrzeuges, einer späteren Periode angehört, indem es erst nach dem Tode des Buddha entstanden ist. Doch sind die Lehrsätze des letzteren so alt wie die Berge, welche solche Schulen seit unvordenklichen Zeiten enthalten haben, und die Hînayâna- und Mahâyâna-Schule lehren beide in Wirklichkeit dieselbe Lehre. Yâna oder Fahrzeug ist eine mystische Ausdrucksweise, indem beide „Fahrzeuge“ einprägen, daß der Mensch den Leiden der Wiedergeburt und selbst der falschen Wonne von Devachan dadurch entkommen kann, daß er Weisheit und Erkenntnis erlangt, welche allein die Früchte der Illusion und Unkenntnis verbannen können.

Mâyâ oder Illusion ist ein Element, das in alle endlichen Dinge eintritt, denn alles, was existiert, hat nur eine relative, keine absolute Realität, da die Erscheinung, die das verborgene Ding an sich für irgendeinen Beobachter annimmt, von dessen Erkenntniskraft abhängt. Für das ungeübte Auge eines Wilden ist ein Gemälde vorerst ein sinnloser Wirrwarr von Farbenstrichen und Klecksen, während das gebildete Auge sofort ein Gesicht oder eine Landschaft sieht. Nichts ist dauernd außer der einen verborgenen absoluten Existenz, die in sich die Dinge an sich von allen Realitäten enthält. Die Existenzen einer jeden Daseinsebene, bis hinauf zu den höchsten Dhyân-Chohans, sind gewissermaßen Schatten, wie sie eine magische Laterne auf einen farblosen Schirm wirft; nichtsdestoweniger sind alle Dinge relativ real, denn der Erkennende ist selbst eine Reflexion, und die erkannten Dinge sind daher für ihn ebenso wirklich wie er selbst. Was immer für eine Wirklichkeit die Dinge besitzen, muß an ihnen untersucht werden, bevor oder nachdem sie blitzartig durch die materielle Welt gegangen sind. Eine solche Existenz können wir aber nicht direkt erkennen, solange wir nur Sinnesinstrumente haben, die bloß materielle Existenz in das Gesichtsfeld unseres Bewußtseins bringen. Auf welcher Ebene auch unser Bewußtsein tätig sein möge, so sind wir und die Dinge, die dieser Ebene angehören, für die betreffende Zeit unsere einzigen Wirklichkeiten. In gleichem Maße, wie wir die Stufenleiter der Entwicklung emporsteigen, erfahren wir aber, daß wir während der Zustände, durch die wir hindurchgegangen sind, Schatten fälschlich für Wirklichkeiten gehalten haben und daß der aufwärts gerichtete Fortschritt des Ego eine Reihe fortschreitender Erwachungen ist, wobei jeder Fortschritt die Idee mit sich bringt, daß wir nunmehr endlich „Wirklichkeit“ erreicht haben; aber erst, wenn wir das absolute Bewußtsein erreicht und unser eigenes mit demselben verschmolzen haben werden, werden wir frei sein von den Täuschungen der Mâyâ.

1 Himmlische Wesen
2 Und es daher offenbar werden zu lassen.
3 Nirvâna. Nippang im Chinesischen; Neibban im Birmanischen; Moksha in Indien.
4 Nidâna und Mâyâ. Die „zwölf“ Nidânas (im Tibetanischen Ten-brel Chug-nyi) sind die Hauptursachen des Daseins – Wirkungen, die durch eine Verkettung erzeugter Ursachen herbeigeführt sind.

Erschienen in: „Esoterische Philosophie – Weisheit der Zeitalter – DAS FORUM“, 4/1991, S. 134 f.

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