Die drei fundamentalen Sätze der Geheimlehre:
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 5
Teil 6
Teil 7
Teil 8

Die drei fundamentalen Sätze der Geheimlehre, Teil 4:
Dunkelheit und Licht

Von Helena Petrowna Blavatsky
Aus: „Die Geheimlehre“, Band I, „Kosmogenesis“,  72 f.

 

„In ihrer Gesamtheit stellen die Schriften H. P. Blavatskys1 eines der erstaunlichsten Werke schöpferischen menschlichen Geistes dar. In Anbetracht ihrer beispiellosen Gelehrsamkeit, ihres prophetischen Naturells und ihrer spirituellen Tiefe müssen sie von Freund und Gegner gleichermaßen zu den unerklärlichsten Phänomenen unseres Zeitalters gerechnet werden. Selbst eine flüchtige Prüfung dieser Werke offenbart ihren monumentalen Charakter.“
Aus: H. P. Blavatsky: „Die Stimme der Stille“, Hannover 31996, S. 14
Die „drei fundamentalen Sätze“:
I. Ein allgegenwärtiges, ewiges, grenzenloses und unveränderliches Prinzip
II. Die Ewigkeit des Weltalls
III. Die fundamentale Identität aller Seelen mit der universalen Oberseele

Strophe I (Fortsetzung):
5. Dunkelheit Allein erfüllte das unendliche All (a), denn Vater, Mutter und Sohn waren wieder einmal eins, und der Sohn war noch nicht erwacht für das neue Rad2 und seine Wanderung auf demselben (b).

(a) „Dunkelheit ist Vater-Mutter: Licht ihr Sohn“ sagt ein altes Sprichwort des Ostens. Licht ist unvorstellbar, außer als von einer Quelle kommend, die seine Ursache ist; und da im Falle des uranfänglichen Lichtes diese Quelle unbekannt ist, eine solche jedoch von Vernunft und Logik mit Nachdruck verlangt wird, so nennen wir sie „Dunkelheit“, von einem intellektuellen Gesichtspunkt aus. Das erborgte oder sekundäre Licht kann, was immer seine Quelle sei, nur von zeitlichem, mâyâvischem Charakter sein. Dunkelheit ist also die ewige Matrix, in der die Quellen des Lichtes erscheinen und verschwinden. Auf dieser unserer Ebene kommt nichts zur Finsternis hinzu, um Licht aus ihr zu machen, oder zum Licht, um es zur Finsternis zu machen. Beide sind vertauschbar, und wissenschaftlich ist Licht bloß eine Art Finsternis und umgekehrt. Beide sind Erscheinungen desselben Dinges an sich, das für ein wissenschaftliches Gemüt absolute Dunkelheit, für die Wahrnehmung eines Durchschnittsmystikers bloß graues Zwielicht, für das geistige Auge des Initiierten aber absolutes Licht ist. Wie weit wir dieses Licht, das in der Dunkelheit scheint, wahrnehmen, hängt von unseren Kräften des Schauens ab. Was für uns Licht ist, ist Finsternis für gewisse Insekten, und das Auge des Hellsehers sieht Beleuchtung, wo das normale Auge nur Schwärze wahrnimmt. Als das ganze Weltall in Schlaf versunken, in sein eines Urelement zurückgekehrt war, da war weder ein Lichtzentrum, noch ein Auge, das Licht wahrzunehmen, und Dunkelheit erfüllte notwendigerweise das unendliche All.

(b) „Vater“ und „Mutter“ sind das männliche und weibliche Prinzip in der Wurzelnatur; die entgegengesetzten Pole, die sich in allen Dingen auf jeder Ebene des Kosmos manifestieren; oder Geist und Substanz in einem weniger allegorischen Aspekt, deren Resultierende das Weltall oder der „Sohn“ ist. Sie waren „wieder einmal Eins“, als in der Nacht des Brahmâ, während Pralaya, alles im objektiven Universum zu seiner einen, ursprünglichen und ewigen Ursache zurückgekehrt war, um in der darauf folgenden Dämmerung wieder zu erscheinen – wie es periodisch geschieht. Kârana – die ewige Ursache – war alleinig. Um es klarer auszudrücken: Kârana ist alleinig während der Nächte des Brahmâ. Das frühere objektive Universum hat sich in seine eine, ursprüngliche und ewige Ursache aufgelöst und ist sozusagen im Raum gelöst enthalten, um sich wieder zu differenzieren und von neuem herauszukristallisieren mit der folgenden manvantarischen Dämmerung, die der Beginn eines neuen Tages oder einer neuen Tätigkeit von Brahmâ ist – dem Symbol eines Universums. In esoterischer Redeweise ist Brahmâ Vater-Mutter-Sohn, oder Geist, Seele und Körper zugleich; jede Person steht dabei symbolisch für ein Attribut und jedes Attribut oder jede Qualität ist eine stufenweise Ausströmung des göttlichen Atems in seiner zyklischen Differentiation, involutionär und evolutionär. Im kosmophysischen Sinn ist es Weltall, Planetenkette und Erde; im rein geistigen: die unbekannte Gottheit, Planetengeist und Mensch – der Sohn der beiden, die Kreatur von Geist und Stoff, und eine Manifestation derselben in seinen periodischen Erscheinungen auf der Erde während der „Räder“ oder der Manvantaras.

1 Verfasserin von „Die Geheimlehre“ und „Isis Entschleiert“. Das Gesamtwerk H. P. Blavatskys umfaßt über 20 Bände mit rund 13.000 Seiten.
2 Der Ausdruck „Rad“ symbolisiert eine Welt oder Weltkugel und zeigt somit, daß die Alten wußten, daß unsere Erde eine sich drehende Kugel und nicht ein bewegungsloses Viereck ist, wie einige christliche Väter lehrten. Das „große Rad“ ist die Gesamtdauer unseres Daseinszyklus oder Mahâkalpa, d. i. der ganze Kreislauf unserer speziellen Kette von sieben Globen oder Sphären vom Anfang bis zum Ende; die „kleinen Räder“ bedeuten die Runden, von denen es ebenfalls sieben gibt.

Erschienen in: „Esoterische Philosophie – Weisheit der Zeitalter – DAS FORUM“, 1/1992, S. 20 f.

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