Die drei fundamentalen Sätze der Geheimlehre:
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 5
Teil 6
Teil 7
Teil 8

Die drei fundamentalen Sätze der Geheimlehre, Teil 5:
Die sieben Wahrheiten

Von Helena Petrowna Blavatsky
Aus: „Die Geheimlehre“, Band I, „Kosmogenesis“,  73 f.

 

„Die Schriften von H. P. Blavatsky sind einzigartig. Sie sprechen deutlicher als irgendein menschlicher Kommentar; doch der endgültige Beweis, den die Lehren enthalten, ruht im Schüler selbst: sie entfalten sich vor seinem geistigen Auge, wenn sein Herz im Einklang mit der kosmischen Harmonie schlägt. Gleich allen mystischen Schriften aller Zeitalter verbergen sie weitaus mehr, als sie enthüllen, und der intuitive Schüler entdeckt in ihnen nur das, was er zu verstehen in der Lage ist – nicht mehr und nicht weniger.“
Aus: Vorwort zu H. P. Blavatsky: „Die Stimme der Stille“, Hannover 31996, S. 15.
Die „drei fundamentalen Sätze“:
I. Ein allgegenwärtiges, ewiges, grenzenloses und unveränderliches Prinzip
II. Die Ewigkeit des Weltalls
III. Die fundamentale Identität aller Seelen mit der universalen Oberseele

Strophe I (Fortsetzung):
6. Die sieben erhabenen Beherrscher und die sieben Wahrheiten hatten aufgehört zu sein (a), und das Weltall, der Sohn der Notwendigkeit, war in Paranishpanna1 (b) untergetaucht, um wieder ausgeatmet zu werden von dem, das ist und dennoch nicht ist. Nichts war (c).

(a) Die „sieben erhabenen Beherrscher“ sind die sieben schöpferischen Geister, die Dhyân-Chohans, die den hebräischen Elohim entsprechen. Es ist dieselbe Hierarchie von Erzengeln, zu der St. Michael, St. Gabriel und andere in der christlichen Theogonie gehören. Nur wachen, während St. Michael zum Beispiel in der dogmatischen lateinischen Theologie bloß die Vorgebirge und Golfe bewachen darf, in dem esoterischen System die Dhyânis der Reihe nach über eine von den Runden und den großen Wurzelrassen unserer Planetenkette. Es heißt ferner, daß sie ihre Bodhisattvas, die menschlichen Vertreter der Dhyâni-Buddhas während jeder Runde und Rasse, aussenden. Von den „sieben Wahrheiten“ oder Offenbarungen, oder vielmehr geoffenbarten Geheimnissen, sind uns bloß vier ausgehändigt, da wir noch in der vierten Runde sind, und die Welt bisher auch nur vier Buddhas gehabt hat. Es ist dies eine sehr komplizierte Frage und wird später eine ausführlichere Behandlung erfahren.

Insofern sagen Hindus und Buddhisten: „Es gibt nur vier Wahrheiten und vier Veden.“ Aus einem ähnlichen Grunde bestand Irenäus auf der Notwendigkeit von vier Evangelien. Aber da jede neue Wurzelrasse am Anfang einer Runde ihre Offenbarung und ihre Offenbarer erhalten muß, so wird die nächste Runde die Fünfte, die folgende die Sechste und so fort bringen.

(b) „Paranishpanna“ ist die absolute Vollendung, die alle Existenzen am Schluß einer großen Periode der Aktivität, oder eines Mahâmanvantara, erreichen und in der sie in der nachfolgenden Ruheperiode ruhen. Im Tibetanischen heißt es „Yong-Grub“. Bis zu den Tagen der Yogâchâryaschule wurde die wahre Natur von Paranirvâna öffentlich gelehrt, aber seither wurde es gänzlich esoterisch; daher so viele widersprechende Erklärungen desselben. Nur ein wahrer Idealist kann es verstehen. Alles, mit Ausnahme des Paranirvâna, muß als eingebildet betrachtet werden von demjenigen, welcher diesen Zustand erfassen und die Erkenntnis erlangen will, wieso Nicht-Ego, Leere und Dunkelheit Drei in Einem und allein selbstexistent und vollendet sind. Es ist jedoch nur in einem relativen Sinn absolut, da es einer noch mehr absoluten Vollendung Platz machen muß, entsprechend einem noch höheren Maßstab der Vortrefflichkeit in der folgenden Periode der Tätigkeit – geradeso wie eine vollendete Blume eine vollendete Blume zu sein aufhören und sterben muß, um zu einer vollendeten Frucht heranzuwachsen, wenn anders eine solche Ausdrucksweise gestattet ist.

Die Geheimlehre lehrt die fortschreitende Entwicklung von allem, von Welten wie von Atomen; und es läßt sich weder ein Beginn noch ein Ende dieser erstaunlichen Entwicklung vorstellen.

Unser „Universum“ ist nur eines aus einer unendlichen Zahl von Universen, alle diese sind „Söhne der Notwendigkeit“ als Glieder in der großen kosmischen Kette von Universen, indem jedes von ihnen zu seinem Vorgänger in der Beziehung eines Bewirkten und zu seinem Nachfolger in der eines Verursachenden steht.

Das Erscheinen und Verschwinden des Weltalls wird geschildert als ein Aus- und Einatmen des „großen Atems“, welcher ewig und – als Bewegung – einer von den drei Aspekten des Absoluten ist; die beiden anderen sind abstrakter Raum und Dauer.

Wenn der große Atem ausgestoßen wird, heißt er der göttliche Atem und wird als das Atmen der unerkennbaren Gottheit – der Einen Existenz – betrachtet, die gewissermaßen einen Gedanken ausatmet, der zum Kosmos wird. Desgleichen verschwindet, wenn der göttliche Atem eingezogen wird, das Weltall wieder in den Schoß der „großen Mutter“, die dann schläft, „gehüllt in ihre immer unsichtbaren Gewande“.

(c) Unter „dem, das ist und dennoch nicht ist“, ist der große Atem selbst verstanden, von dem wir bloß als von absoluter Existenz sprechen, den wir aber nicht als irgendeine Existenzform, die wir von Nichtexistenz unterscheiden könnten, in unserer Einbildung ausmalen können. Die drei Perioden, Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft, sind in der Esoterischen Philosophie eine zusammengesetzte Zeit; denn die drei sind nur in Beziehung zur Ebene der Erscheinungen eine zusammengesetzte Zahl, aber in dem Bereich der Dinge an sich haben sie keine für sich bestehende Gültigkeit. So heißt es in den Schriften: „Die vergangene Zeit ist die gegenwärtige Zeit, so auch die Zukunft, die, obwohl sie noch nicht ins Dasein getreten ist, doch ist“; entsprechend einer Lehre in der Prasanga-Madhyamika-Schule, deren Dogmen immer bekannt waren, seit sie sich von den rein esoterischen Schulen ablöste.2 Kurz gesagt, unsere Ideen von Dauer und Zeit sind alle aus unseren Empfindungen gemäß dem Gesetz der Assoziation abgeleitet. Obwohl unauflöslich verknüpft mit der Relativität des menschlichen Erkennens, können sie nichtsdestoweniger keine Existenz haben außer in der Erfahrung des individuellen Egos, und sie vergehen, wenn sein Entwicklungsgang die Mâyâ der phänomenalen Existenz vertreibt. Was ist Zeit z. B. anderes als die panoramaartige Aufeinanderfolge unserer Bewußtseinszustände? Mit den Worten eines Meisters: „Ich fühle mich unbehaglich, diese drei ungeschickten Worte – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – gebrauchen zu müssen; armselige Begriffe von den objektiven Phasen des subjektiven Ganzen, sind sie ungefähr ebenso unzweckmäßig wie eine Axt zu einer feinen Schnitzerei.“ Man muß Paramârtha erlangen, um nicht nur zu leicht eine Beute von Samvriti zu werden – ist ein philosophisches Axiom.3

1 Absolute Vollendung, Paranirvâna, welches Yong-Grub ist.
2 Siehe das dsungarische „Mani Kumbum“, das „Buch der 10.000 Lehren“. Desgleichen Wassilief, „Der Buddhismus“, S. 327 u. 357, etc.
3 Mit klareren Worten: Man muß wahre Selbsterkenntnis erlangen, um Samvriti oder den „Ursprung der Täuschung“ zu verstehen. Paramârtha ist das Synonym des Ausdruckes Svasamvedanâ oder „die Reflexion, die sich selbst analysiert“. Es ist ein Unterschied in der Interpretation der Bedeutung von Paramârtha zwischen den Yogâchâryas und den Madhyamikas, von denen jedoch keins den wirklichen und wahren esoterischen Sinn dieses Ausdruckes erklärt.

Erschienen in: „Esoterische Philosophie – Weisheit der Zeitalter – DAS FORUM“, 2/1992, S. 55 f.

(c) Copyright Verlag Esoterische Philosophie GmbH, Hannover, Germany