Die drei fundamentalen Sätze der Geheimlehre:
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 5
Teil 6
Teil 7
Teil 8

Die drei fundamentalen Sätze der Geheimlehre, Teil 6

Von Helena Petrowna Blavatsky
Aus: „Die Geheimlehre“, Band I, „Kosmogenesis“,  75 ff.

 

„Das Weltall mit allem, was darin ist, wird Mâyâ genannt, weil alles darinnen vergänglich ist, vom kurzdauernden Leben eines Leuchtkäfers bis zu dem der Sonne. Verglichen mit der ewigen Unveränderlichkeit des EINEN und der Wandellosigkeit dieses Prinzipes, muß das Weltall mit seinen vergänglichen, ewig wechselnden Formen im Gedanken eines Philosophen notwendigerweise nichts Besseres sein als ein Irrlicht. Doch ist das Weltall wirklich genug für die bewußten Wesen in demselben, die ebenso unwirklich sind, wie das erstere selbst.“
Aus: „Die Geheimlehre“, Bd. I, S. 294 f.
Die „drei fundamentalen Sätze“:
I. Ein allgegenwärtiges, ewiges, grenzenloses und unveränderliches Prinzip
II. Die Ewigkeit des Weltalls
III. Die fundamentale Identität aller Seelen mit der universalen Oberseele

Die Ursachen des Daseins

Strophe I (Fortsetzung):
7. Die Ursachen des Daseins waren beseitigt (a); das Sichtbare, welches war, und das Unsichtbare, welches ist, ruhten im ewigen Nichtsein – dem Einen Sein (b).

(a) „Die Ursachen des Daseins“ bedeuten nicht nur die der Wissenschaft bekannten physischen Ursachen, sondern die metaphysischen Ursachen, deren hauptsächlichste das Verlangen nach Existenz ist, das aus Nidâna und Mâyâ entspringt. Dieses Verlangen nach fühlendem Leben zeigt sich in jedem Ding, vom Atom bis zur Sonne, und ist eine in objektive Existenz, in ein Gesetz, daß das Weltall existieren solle, getriebene Reflexion des göttlichen Gedankens. Nach der esoterischen Lehre bleibt die wirkliche Ursache dieses vermuteten Verlangens und aller Existenz für immer verborgen, und ihre ersten Offenbarungen sind die reinsten Abstraktionen, die sich das Gemüt vorstellen kann. Diese Abstraktionen müssen mit Notwendigkeit als die Ursache des materiellen Universums, das sich den Sinnen und dem Intellekt darbietet, postuliert werden; und müssen den sekundären und untergeordneten Kräften der Natur zugrundeliegen, die anthropomorphisiert als „Gott“ und „Götter“ von der großen Herde eines jeden Zeitalters verehrt worden sind. Es ist unmöglich, sich etwas ohne Ursache vorzustellen; der Versuch, es zu tun, bringt das Gemüt außer Fassung. Dies ist tatsächlich der Zustand, in den das Gemüt schließlich kommen muß, wenn wir es versuchen, die Kette der Ursachen und Wirkungen zurückzuverfolgen, aber Wissenschaft wie Religion springen in diesen Zustand der Leere viel rascher als notwendig; denn sie ignorieren die metaphysischen Abstraktionen, welche die einzigen begreifbaren Ursachen der physischen Konkretionen sind. Diese Abstraktionen werden immer konkreter, je mehr sie sich unserer Daseinsebene nähern, bis sie endlich in der Form des materiellen Weltalls in die Erscheinung treten, durch einen Vorgang der Verwandlung des Metaphysischen ins Physische, analog dem, durch den Dampf zu Wasser verdichtet und das Wasser zu Eis gefroren werden kann.

(b) Die Idee eines „ewigen Nichtseins“, welches das „Eine Sein“ ist, wird jedem paradox erscheinen, der sich nicht daran erinnert, daß wir unsere Vorstellungen vom Sein auf unser gegenwärtiges Existenzbewußtsein beschränken; daß wir es zu einem spezifischen, statt zu einem allgemeinen Ausdruck machen.

Ein ungeborenes Kind würde, wenn es in unserem Sinne denken könnte, notwendigerweise seinen Seinsbegriff auf ähnliche Weise auf das intra-uterine Leben, das es allein kennt, beschränken; und sollte es den Versuch machen, seinem Bewußtsein die Idee des Lebens nach der Geburt (seinem Tode) auszudrücken, so würde es, mangels von Daten, auf die es sich stützen könnte, und von Fähigkeiten, solche Daten zu verstehen, wahrscheinlich dieses Leben als „Nichtsein, welches das wirkliche Sein ist“ bezeichnen. In unserem Fall ist das Eine Sein das Ding an sich aller Dinge an sich, die, wie wir wissen, den Phänomenen zugrunde liegen und ihnen jeden Schatten von Realität, den sie besitzen, geben müssen, zu deren Erkenntnis wir aber gegenwärtig weder Sinne noch Intellekt haben. Die unfühlbaren Goldatome, die in der Masse einer Tonne goldführenden Quarzes verteilt sind, mögen für das bloße Auge des Bergmannes unwahrnehmbar sein, und doch weiß er nicht nur, daß sie vorhanden sind, sondern auch, daß sie allein seinem Quarz irgendeinen bestimmbaren Wert geben; und dieses Verhältnis von Gold und Quarz mag eine schwache Andeutung dessen, dem Ding an sich und seiner Erscheinung, geben.

Aber der Bergmann weiß, wie das Gold aussehen wird, wenn es aus dem Quarz geschieden ist, während der gewöhnliche Sterbliche sich keinen Begriff von der Wirklichkeit der Dinge machen kann, so wie sie von Mâyâ getrennt sind, die sie verhüllt und in der sie verborgen sind. Allein der Initiierte, reich an der Lehre, die zahllose Generationen seiner Vorgänger erworben haben, richtet das ”Auge des Dangma“ auf die Wesenheit der Dinge, auf die keine Mâyâ irgendwelchen Einfluß haben kann. Hier sind die Lehren der Esoterischen Philosophie über die Nidânas und die vier Wahrheiten von höchster Wichtigkeit; aber sie sind geheim.

Die eine Form des Seins

Strophe I (Fortsetzung):
8. Allein, erstreckte sich die eine Form des Seins (a) unbegrenzt, unendlich, unverursacht, in traumlosem Schlafe (b); und das Leben pulsierte unbewusst im Weltenraume, durch jene Allgegenwart, welche nur dem geöffneten Auge des Dangma1 wahrnehmbar ist.

(a) Die moderne Denkweise ist geneigt, zu der uralten Idee einer einheitlichen Grundlage für scheinbar weit auseinanderliegende Dinge zurückzukehren – zur Entwicklung der Heterogenität (Verschiedenartigkeit, d. Hrsg.) aus Homogenität (Gleichartigkeit, d. Hrsg.). Die Biologen sind jetzt auf der Suche nach ihrem homogenen Protoplasma und die Chemiker nach ihrem Urstoff, während die physikalische Wissenschaft die Kraft sucht, deren verschiedene Äußerungen Elektrizität, Magnetismus, Wärme usw. sind. Die Geheimlehre überträgt diesen Gedanken auf das Gebiet der Metaphysik und fordert die „Eine Daseinsform“ als Grundlage und Quelle aller Dinge. Doch ist vielleicht der Ausdruck: die „Eine Daseinsform“ nicht ganz richtig. Das Sanskritwort ist Prabhavâpyaya, „der Ort (oder vielmehr die Ebene), woraus die Hervorbringung und wohin die Auflösung aller Dinge erfolgt“, wie ein Kommentator erklärt. Er ist nicht die „Mutter der Welt“ nach Wilsons Übersetzung (Vishnu-Purâna, I. 21.); denn Jagad Yoni ist, wie Fitzedward Hall zeigt, kaum so sehr die „Mutter der Welt“ oder der „Schoß der Welt“, als die „materielle Ursache der Welt“. Die Purâna-Kommentatoren erklären es als Kârana – „Ursache“ –, die Esoterische Philosophie aber als den ideellen Geist dieser Ursache. Es ist, in seinem sekundären Zustand das Svabhâvat des buddhistischen Philosophen, die ewige Ursache und Wirkung, allgegenwärtig, doch abstrakt, die selbstexistierende plastische Essenz und die Wurzel aller Dinge, in demselben doppelten Lichte gesehen, wie der Vedântist sein Parabrahman und Mûlapakriti, das eine unter zwei Aspekten, betrachtet. Es erscheint in der Tat merkwürdig, große Gelehrte über die Möglichkeit dessen spekulieren zu sehen, daß der Vedânta und insbesondere die Uttaramîmânsâ „durch die Lehren der Buddhisten hervorgerufen“ seien; während im Gegenteil der Buddhismus, die Lehre von Gautama Buddha, „hervorgerufen“ und auf den Sätzen der Geheimlehre gänzlich aufgebaut ist, von der hier eine teilweise Skizze versucht ist und auf der desgleichen die Upanishaden beruhen. Nach den Lehren des Srî Sankarâchârya ist unsere Behauptung unbestreitbar. 

(b) „Traumloser Schlaf“ ist einer von den sieben Bewußtseinszuständen, die in der orientalischen Esoterik bekannt sind. In jedem dieser Zustände tritt ein anderer Teil des Gemütes in Tätigkeit; oder, wie ein Vedântist sich ausdrücken würde, ist das Individuum auf einer anderen Ebene seines Seins bewußt. Der Ausdruck „traumloser Schlaf“ ist in diesem Fall allegorisch auf das Weltall angewendet, um einen Zustand auszudrücken, der diesem Bewußtseinszustand im Menschen einigermaßen analog ist, der deshalb leer erscheint, weil man sich im wachenden Zustand nicht daran erinnert, geradeso wie der Schlaf des mesmerisierten Subjektes demselben als eine bewußtlose Leere erscheint, wenn es in seinen normalen Zustand zurückgekehrt ist, während es doch wie ein bewußtes Individuum gesprochen und gehandelt hat.

1 In Indien heißt es das „Auge des Shiva“, aber jenseits der großen Bergkette ist es in esoterischer Ausdrucksweise als „Dangmas geöffnetes Auge“ bekannt. Dangma bedeutet eine geläuterte Seele, eine, die ein Jîvanmukta, der höchste Adept, oder vielmehr ein sogenannter Mahâtmâ geworden ist. Sein „geöffnetes Auge“ ist das innere geistige Auge des Sehers, und die Fähigkeit, welche sich mittels desselben offenbart, ist nicht das, was man gewöhnlich unter Hellsehen versteht, nämlich die Kraft, in die Ferne zu sehen, sondern vielmehr die Fähigkeit der geistigen Intuition, durch welche unmittelbare und sichere Erkenntnis erhalten werden kann. Diese Fähigkeit steht in innigem Zusammenhange mit dem „dritten Auge“, welches die mythologische Überlieferung gewissen Menschenrassen zuschreibt.

Erschienen in: „Esoterische Philosophie – Weisheit der Zeitalter – DAS FORUM“, 3/1992, S. 97 f.

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