Zeit – eine Illusion

Die Frage nach dem Wesen der Zeit ist eine der philosophischsten Fragen, die sich die größten Gemüter der Geschichte gestellt haben. Was ist Zeit, existiert sie wirklich oder ist sie eine Illusion? H. P. Blavatsky gibt dazu in Die Geheimlehre wesentliche Impulse auf der Basis der zeitalteralten Theosophie.

Die Gegenwart währt stets nur einen Moment, und ein Moment ist unendlich klein wie ein mathematischer Punkt. Und doch sind es gerade diese mathematischen Punkte, diese „Jetzte“, die das eigentliche Wesen der Zeit ausmachen. Da aber Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vergänglich sind, sind sie als feststehende Komponenten illusorisch – und mit ihnen der gesamte Zeitbegriff. Realität haben nur die unendlich vielen „Jetzte“, die die gesamte Zeit umfassen, und sie sind das, was „Dauer“ genannt werden kann.

Zeit an sich existiert daher nicht, denn es gibt nur eine ewige Dauer, ein ewiges „Jetzt“. Dauer aber ist unteilbar. Sie hat weder Vergangenheit noch Gegenwart oder Zukunft, sie ist immer gegenwärtig. Sie umfasst alle Ereignisse der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft, sodass sie alle in der Dauer jetzt gegenwärtig sind. Die Dauer ist daher unendlich, denn wer könnte sich hier einen absoluten Beginn oder ein Ende vorstellen? – Dauer ist das Noumenon und Zeit sein Phänomen.

H. P. Blavatsky schreibt hierzu: 

„,Zeit‘ ist nur eine durch die Aufeinanderfolge unserer Bewusstseinszustände während unserer Reise durch die ewige Dauer erzeugte Illusion, und dort, wo kein Bewusstsein existiert, in dem die Illusion hervorgebracht werden kann, existiert sie nicht, sondern „liegt schlafend“. Die Gegenwart ist nur eine mathematische Linie, die jenen Teil der ewigen Dauer, welchen wir die Zukunft nennen, von dem Teil, den wir die Vergangenheit nennen, trennt. Nichts auf Erden hat wahre Dauer, denn nichts bleibt ohne Veränderung oder sich gleich, auch nicht den billionsten Teil einer Sekunde; und die Empfindung, die wir von der Tatsächlichkeit jener Teilung der Zeit, die wir als Gegenwart kennen, haben, kommt von der Verwischung dieses flüchtigen Aufblitzens oder der Reihe von Blitzen, von Dingen, die uns unsere Sinne mitteilen, wie diese Dinge aus dem Bereiche der Ideale, den wir die Zukunft nennen, in den Bereich der Erinnerungen, den wir die Vergangenheit nennen, übergehen. Auf dieselbe Art empfangen wir ein Gefühl der Dauer im Falle des nur einen Moment währenden elektrischen Funkens infolge des verwischten und nachwirkenden Eindruckes auf die Netzhaut. Die Person oder das Ding in seiner Wirklichkeit besteht nicht allein aus dem, was in einem einzelnen Augenblick zu sehen ist, sondern ist aus der Summe aller seiner verschiedenen und wechselnden Zustände, von seiner Erscheinung in einer materiellen Form an bis zu seinem Verschwinden von der Erde, zusammengesetzt. Diese ,Gesamtsumme‘ ist es, die seit Ewigkeit in der Zukunft existiert und nach und nach durch die Materie wandert, um für die Ewigkeit in der Vergangenheit zu existieren. Niemand würde sagen, dass ein Metallbarren, der ins Meer fällt, ins Dasein trat, als er die Luft verließ, und zu existieren aufhörte, als er in das Wasser eintrat, und dass der Barren selbst nur aus jenem Querschnitt desselben bestand, der jeweils mit der mathematischen Fläche, die die Atmosphäre und den Ozean gleichzeitig trennt und verbindet, zusammenfiel. Das Gleiche gilt von Personen und Dingen, die, indem sie aus dem, was sein wird, in das, was gewesen ist, versinken, aus der Zukunft in die Vergangenheit, unsern Sinnen momentan gewissermaßen einen Querschnitt ihres ganzen Selbstes zeigen, während sie auf ihrem Wege von einer Ewigkeit zu einer andren durch Zeit und Raum (als Materie) hindurchgehen: und diese zwei Ewigkeiten bilden die Dauer, in der allein etwas wahre Existenz hat, wenn nur unsere Sinne fähig wären, sie hier zu erkennen.

Aus: Helena Petrowna Blavatsky: Die Geheimlehre. Hannover, 2012, Bd. 1, S. 68 f. 

Und an anderer Stelle:

„Die Gegenwart ist das Kind der Vergangenheit; die Zukunft das Erzeugnis der Gegenwart. Und doch, o gegenwärtiger Augenblick! Weißt du nicht, dass du keinen Vater hast, noch ein Kind haben kannst; dass du immer nur dich selbst erzeugst? Bevor du auch nur angefangen hast zu sagen: ,Ich bin die Nachkommenschaft des entschwundenen Augenblickes, das Kind der Vergangenheit‘, bist du selbst jene Vergangenheit geworden. Bevor du die letzte Silbe aussprichst, siehe! Bist du nicht mehr die Gegenwart, sondern fürwahr jene Zukunft. So sind die Vergangenheit, die Gegenwart, und die Zukunft die ewig lebende Dreiheit in der Einheit – die Mahamaya des absoluten ,IST‘.“

Aus: Helena Petrowna Blavatsky: Die Geheimlehre. Hannover, 2012, Bd. 2, S. 466